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Grenzüberschreitung

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Während der letzten Wochen war ich viel unterwegs – beruflich und privat – und überall hat mich das Thema der Grenze und die Überschreitung von Grenzen begleitet. Ich kann mich noch gut an die Zeit errinnern, als Grenzübertritte zu den Nachbarländern einen gewissen Aufwand mit sich brachten, die Grenzen in Richtung Osten sogar undurchdringbar schienen. Heute scheint es so gut wie keine Grenzen mehr zu geben. Alles ist möglich (wenn man das nötige Kleingeld dafür hat bzw. die passende Magnetstreifenkarte für den Eintritt in Unternehmen oder die Ausfahrt aus der Tiefgarage oder für ein Essen in der Kantine). Auf viele vom Menschen geschaffene künstliche Grenzziehungen kann ich auch gut und gerne verzichten. Welche Wohltat, auf dem Weg nach Dresden den ehemaligen deutsch-deutschen Grenzstreifen nur noch zu ahnen.

Und doch mache ich mir gerade jetzt die Bedeutung von Grenzen bewusst. Sprach-Grenzen können manchmal trennender sein als ein Stacheldraht. Sie zu überwinden kostet erhebliche Energie und Konzentration. Nach einem turbulenten Trainings-Tag mit einer viersprachigen Familie brummt mir abends der Kopf. Mein Magen rebelliert gegen die regionalen Essgewohnheiten auf Reisen (Speckbrot MIT MARGARINE und Essiggurke) und sehnt sich nach einem Schnaps. Ich missachte die Grenzen meiner Belastbarkeit und will durchhalten und meine Projekte durchziehen. Dabei versäume ich es, andere in die Schranken zu weisen, die grenzenlose Ansprüche an meine Zeit stellen (natürlich ist das meine eigene Wahrnehmung, mein hausgemachter Druck). Noch mehr Unbehagen ist die Folge. Interessant, dass ich aus dieser misslichen Lage immer noch so etwas wie Stolz und Kraft ziehen kann (… ich schaff‘ das schon…)

Die entscheidende Lektion erteile ich mir dann doch wieder mal selber, indem mir mein Körper eine deutliche Grenze aufzeigt. Das Labyrinth des Spreewald wird zu meinem Ort der Erkenntnis. Obwohl ich ahne, dass mir der Rückweg zu weit werden könnte, lasse ich mich in diese zauberhafte Welt hineinziehen. Dank meiner Schwester finde ich ja auch wieder hinaus. Nun bin ich diejenige, die für Unterstützung mehr als dankbar ist. Die Lernerfahrung pocht die folgende Nacht in allen Körperzellen, vor allem im rechten Knie, das immer wieder seinen Dienst einfach versagt. Ich bin über meine Grenze gegangen und es gibt keinen einfachen Weg zurück.

Mit schlingerndem Gang absolviere ich noch eine weitere Reise in die Nacht, ernte Mitleid beim Hotelpersonal und meistere auch noch eine Veranstaltung mit dem sinnigen Titel „Take it easy – wie man sich als Selbstständige das Leben leicht machen kann!“ HA! Da kann gerade ich was dazu beitragen… Es wird wohl eine Weile dauern, meine jüngste Erkenntnis wirklich in mein Leben einzubauen. Meine wichtigsten Verbündeten haben die Geduld mit mir verloren und sticheln und zwicken bei jeder Gelegenheit. In Zukunft will ich die Signale beachten, die meine Grenze ankündigen. Sie ist schon weit im Voraus wahrzunehmen. Es ist nicht nötig, die Grenze zu überschreiten, um zu erfahren, was sie bedeutet. Ich dachte, das wüßte ich schon. Jetzt habe ich mich wieder daran erinnert.

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